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werner marxer hat das jahresei für die keramik schädler, nendeln, für das jahr 2007 gestaltet. die vorstellung des jahreseis war am 25.3.2007

          
Die Jahresgranate

Zum Jahresei 2007 von Werner Marxer

Nendeln, 25.3.07

 

Das 20. Liechtensteiner Jahresei aus der Hand von Werner Marxer ist die Imitation einer Handgranate, einer britischen No.5 Mark I „Mills bomb“.

1915 vom Industriellen und Metallurgen Williams Mills für die britischen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg entwickelt, hat sich am Funktionsprinzip der Handgranate bis heute wenig geändert.

In einen Hohlmantel aus gegossenem Stahl wird oben Sprengstoff eingefüllt, unten schraubt man den Zünder ein, der diesen Sprengstoff zum explodieren bringen wird. Oben wird ein Schlagbolzen mit einer Feder eingesetzt. Ein Spannbügel fixiert die Feder und wird seinerseits von einem Splint mit Griffring blockiert.

Hat man die „Mills bomb“ sachgemäss in der Hand – mit dem Spannbügel im Innern der Faust -  und zieht den Ring samt Splint ab, ist die Granate scharf, aber noch nicht gezündet. Erst wenn die Granate geworfen wird, schnellt der Spannbügel nach oben und drückt die Feder den Schlagbolzen auf den Zünder. Nach fünf Sekunden Zündverzögerung explodiert der Sprengstoff und zerlegt den Hohlmantel an seinen gegossenen Sollbruchstellen – deshalb die waagrechte und senkrechte Kerbung der Stahlhülle – in Splitter, die nach allen Seiten davonfliegen. Es ist weniger die Explosion, sondern die Splitterwirkung, die verletzt, verstümmelt und tötet.

 

„I ha a schwarzi Seel“, sagte der Künstler Werner Marxer, als er während einer Produktionsbesprechung in der Werkstatt der Keramik AG Schädler von einer Gruppe älterer Frauen gefragt wurde, weshalb denn „um Gotts Wella“ eine Handgranate als Jahresei.

Werner Marxer ist Nendler, Jahrgang 50, ausgewandert nach Lütisburg Station im Toggenburg,  gelernter Chemielaborant, später Polizist durch alle Dienstgrade, heute Kunstschaffender mit den Hauptbereichen Malerei und Kunst am Bau. Seine Kunst definiert sich oft über Gegensatzpaare: Ordnung und Chaos, Bestehen und Vergänglichkeit, Austausch und Isolation.

Als „Hans-Odi“ verbindet ihn mit der Firma Schädler ein Teil seiner Familiengeschichte: Sein Vater Oskar war als Gipsformenbauer hier tätig – das Formenarchiv im Dachgeschoss hat seine Arbeiten aufbewahrt; Werner schmirgelte in Ferialjobs Teller und Krüge glatt; die Familie klebte in Heimarbeit Tonmodelle von Rehen und Katzen, die dann in den Fabriköfen fertig gebrannt wurden. Vor dem Jahresei, das ihm Philipp Eigenmann seit Jahren schmackhaft zu machen suchte, hat er sich lange gedrückt. Was tut einer, der von sich sagt, er habe eine schwarze Seele, mit der reinen, heilen Form der österlichen Wiedergeburt?

 

Es läuft eine seltsame Linie der Lebensmittelmetaphorik durch die Geschichte des Tötungsmittels Handgranate. Französische Feuerwerker nannten die händisch zu werfenden Bomben „grenades“, weil die Form sie an den „pomme de grenat“, den Granatapfel, erinnerte. Die „Mills bomb“ bezeichnet man der Rillen im Splittermantel wegen im Soldatenslang auch als „ananas“. Das offizielle deutsche Wort für die glattbäuchige Ausführung lautet „Eierhandgranate“. Die amerikanischen GI’s nannten die Stielhandgranate der Deutschen im Zweiten Weltkrieg „potato masher“, Kartoffelstampfer. Es scheint fast, als stolpere das Bewusstsein über die Vernichtungskraft einer Form, der sich unsere Hand durch unsere Gattungsgeschichte hindurch hungrig geöffnet und – Frucht oder Ei haltend - zum Mund geführt hat.

 

Während seiner Recherche zum Thema Handgranate ist Werner auf die Homepage des Thuner Rüstungsunternehmen Ruag Ammotec gestossen, die die Vorzüge ihrer Handgranate namens „PEARL“ mit folgenden Worten beschreibt: „PEARL überzeugt durch ihre unerreichte Leistung und ihre Anpassungsfähigkeit. Für jeden Kunden wird aus einem Baukastensystem seine ideale Handgranate zusammengestellt.“

Wendungen wie „unerreichte Leistung“ sind nicht nur makaber und obszön, sondern auch dumm: Man kann nicht zweieinhalb Mal tot sein. Perlen gelten als eleganter und klassischer Schmuck. Kennen Sie jemanden, der durch eine Handgranatenexplosion schöner und begehrenswerter geworden ist?

 

Er habe sich vor der Aufgabe, ein Jahresei zu gestalten, gefürchtet, sagt Werner. Nicht nur der langen Tradition und Bedeutung des Ostereis wegen, sondern auch weil die Form bereits perfekt sei. Werner arbeitet an seinen Kunstprojekten gründlich, lange und bevorzugt nachts. Er recherchiert, entwirft, verwirft, verwirft ein zweites, drittes und fünftes Mal, bis er sich zu einer Lösung durchgearbeitet hat, die ihn ästhetisch und inhaltlich befriedigt. Im Fall des 20. Jahreseis hat ihn das weisse Osterei zu einer anthrazitschwarzen Handgranate verschoben.

 

Der Schockeffekt durch das pure Gegenteil ist natürlich kalkuliert und als künstlerische Strategie ebenso Teil der Tradition wie das Osterei selbst. Was im katholischen Weltbild der Teufel, das ist im Weltbild des Bürgertums der Künstler, der das Unerhörte, das Ungesagte, auch das Übersehene mitten auf den Marktplatz schleift und mit Knall und Blitz und ein bisschen Schwefelgestank herzeigt: der Künstler in seiner Rolle als Agent des Verdrängten. Werner hat sich für seinen Part im liechtensteinischen Ostereiertanz dieses Kostüm gewählt, und die Abneigung, vielleicht auch die Abscheu, die Sie, verehrte Vernissagengäste, seiner Jahresgranate entgegenbringen, ist kein kleiner Teil seiner Gage.

 

So haben Sie mit Werner Marxers Jahresgranate beides: Einerseits ein ästhetisch autonomes Gegenobjekt zum Osterei, das mit Ernst und Schmerz auf eine abscheuliche Wirklichkeit z.B. in Irak, Afghanistan und Südlibanon reagiert, andererseits einen klassischen Spielzug im Match zwischen Künstler und bürgerlicher Gesellschaft.

 

Zum dritten haben Sie es hier mit einem Stück feinster keramischer Handarbeit aus der Werkstatt von Philipp Eigenmann zu tun. Jede Jahresgranate ist – anders als das industrielle Massenprodukt, das als Vorlage diente – hier in den Räumen der Keramikwerstatt Schädler AG  von Hand gegossen, von Hand nachgearbeitet, von Hand mit einer Mischung aus Engobe und Metallglasur überzogen und dann gebrannt worden. Wenn Sie die einzelnen Jahresgranaten vergleichen, werden Sie immer wieder kleine und kleinste Abweichungen feststellen und das als Ausdruck einer stupenden Handwerkskunst in diesem Betrieb schätzen können.

 

Es braucht Durchhaltevermögen, ein Projekt wie das Jahresei zwanzig Jahre lang zu betreiben, es braucht auch Mut, etwas Umstrittenes wie Werners Jahresgranate aufwendig zu produzieren, und vielleicht honorieren Sie, verehrte Vernissagengäste, diesen wunderbaren eigenmannschen Eigensinn mit dem Erwerb des Jahreseis 2007.

 

Zum Schluss rolle ich Ihnen noch das an den Schuh: Unter oder hinter jeder Granate steckt bereits im Wort der Granatapfel oder die Grenadine, eine Frucht die der vielen, unter einer harten Haut geschützten Kerne wegen als Symbol für Fruchtbarkeit und die Freuden der Liebe gilt.

 

©Stefan Sprenger

stefan.sprenger@adon.li